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Entwicklung

Als das Thema der Woche war am 21.11.00 folgende Meldung in vielen Berichten zu lesen :

Interesse am Schulsport groß, Leistungsfähigkeit erschreckend schwach.
Die körperliche Leistungsfähigkeit der jungen Generation in Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten in erschreckendem Maße nachgelassen. Das betrifft vor allem sportmotorische Fähigkeiten wie Ausdauer, Kraft und Koordinationsvermögen.

Das ist das Ergebnis einer umfassenden Studie des Wissenschaftlichen Instituts der ärzte Deutschlands (WIAD) mit dem Titel "Aufschwung oder Abschwung - wie fit ist Deutschlands Jugend?", die in Berlin vorgestellt wurde. Einen entsprechenden Auftrag hatten der Deutsche Sportbund (DSB) und der AOK-Bundesverband im Rahmen der zwischen beiden Einrichtungen bestehenden Kooperationsvereinbarung erteilt.

WIAD-Geschäftsführer Dr. Lothar Klaes erläuterte als ein Ergebnis der Studie, dass "56 Prozent der 1057 in die Untersuchung einbezogenen Kinder und Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren Haltungsschäden und 40 Prozent übergewicht aufwiesen. Hingegen bezeichnen 60 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in diesem Altersbereich den Schulsport als ihr Lieblingsfach und hätten gerne noch mehr Schulsportunterricht.

Dieser allerdings fällt aus den verschiedensten Gründen zu 13 Prozent aus oder wird gekürzt." Was den Inhalt des Schulsports betrifft, so deuten Aussagen der Befragten darauf hin, ihn flexibler zu gestalten und aktuellen Freizeitwünschen und Tendenzen anzupassen. 51 Prozent der Befragten sprachen sich für Inlineskating aus. Dr. Lothar Klaes machte in seinen Aussagen auf weitere interessante und zu Schlussfolgerungen herausfordernde Fakten aufmerksam. So treiben 84 Prozent der 12-18 Jährigen über die obligatorische Schulstunde hinaus Sport, darunter 34 Prozent mehr als sechs Stunden in der Woche.

Mädchen treiben deutlich weniger Sport als Jungen.
Diese Tendenz schlägt sich besonders deutlich im organisierten Sport nieder. Vereinen gehören 66 Prozent männliche, aber nur 47 Prozent weibliche Jugendliche an. Etwa ab dem 15. Lebensjahr gehört mit steigender Tendenz die Mehrheit der Mädchen keinem Sportverein mehr an. "Eltern", so heißt es in der Studie, "sind nach wie vor ein wichtiges Vorbild für ihre Kinder in Bezug auf Sport und Bewegung. Bei der Menge des Sporttreibens wird zwischen Ost und West kein auffälliger Unterschied mehr festgestellt, allerdings sind noch weit weniger ostdeutsche Jugendliche in Sportvereinen organisiert als westdeutsche".

In den Sportvereinen liegen bei den Jugendlichen die traditionellen Sportarten an der Spitze:

  • (31 %) Fußball
  • (13 %) Tennis
  • (10 %) Volleyball
  • (je 8 %) Handball und Schwimmen
  • (je 7 %) Reiten und Tischtennis
  • (6 %) Tanzen
  • (5 %) Leichtathletik
  • (4 %) Basketball


Außerhalb der Vereine verteilen sich die größten Interessen auf

  • (67 %) Radfahren
  • (42 %) Inline-Skating
  • (40 %) Fußball
  • (40 %) Schwimmen
  • (30 %) Jogging
  • (25 %) Tischtennis
  • (22 %) Basketball
  • (18 %) Fitnesstraining
  • (14 %) Volleyball
  • (12 %) Squash/Badminton

Die Studie legt dieses Fazit vor: "Der hohe Stellenwert des Sports bei Kindern und Jugendlichen steht in krassem Gegensatz zu den Ergebnissen vergleichbarer sportmotorischer Untersuchungen. Daraus ist zu schließen, dass ein hohes Sportengagement an sich noch nicht für eine ausgewogene Balance motorischer Grundfähigkeit sorgt.

Deshalb ist es notwendig, die Erforschung der Defizite weiter voranzutreiben. Zum anderen sind alle Bereiche der Gesundheitsversorgung sowie des organisierten und schulischen Sports aufgefordert, Angebot und Durchführung sportlicher Aktivitäten verstärkt auch auf eine Kompensation motorischer Defizite hin auszurichten.

" Der Deutsche Sportbund macht sich große Sorgen um den Schulsport", stellte DSB-Präsident Manfred von Richthofen fest. Er kritisierte den "Verfall der Schulsportkultur, den es aufzuhalten gilt", bezeichnete die gegenwärtige Situation im Schulsport als "Fünf Minuten vor zwölf", hält jedoch die Studie für einen Glücksumstand für viele Kinder, weil die vorgelegten Ergebnisse wachrütteln müssten.

Der DSB-Präsident sieht "nach schier endlosen Verhandlungen mit der Kultusministerkonferenz, den Landesregierungen und vielen anderen Institutionen auch schon einen Silberstreif am Horizont, um die Situation des Schulsports zu analysieren und zu verbessern". Er nannte das Beispiel einer Tageszeitung, die unter der überschrift "Schlechte Noten für Sportlehrer" feststellte, dass der Sportlehrer in Hessen durchschnittlich 51 Jahre alt ist, was in der Praxis bedeute, "als wolle der Großvater den Enkel für Sport und Spiel begeistern".

Von Richthofen, der mit dem DSB-Präsidium die Studie auswerten und Beschlüsse beraten wird, stellte mit Genugtuung fest, dass "in einem politisch turbulenten Herbst der alarmierende Verfall unserer Schulsportkultur endlich auch einmal in den Medien im Zusammenhang mit der großen olympischen Leistungsschau von Sydney genannt wurde".

Eine erste Initiative hat die AOK als Partner des Deutschen Sportbundes inzwischen in ihrer Verantwortung um die Gesundheit der Bürger bereits ergriffen. Unter dem Motto "Fit sein macht Schule" stellt sie allen Sportlehrern der Bundesrepublik einen "Bewegungs-Check-Up" zur Verfügung. "Mit seiner Hilfe können sich Klassen und Schulen miteinander messen und vergleichen", kommentierte der AOK-Vorstandsvorsitzende Dr. Hans-Jürgen Ahrens die aktive Unterstützung seiner Einrichtung, um zu verhindern, "dass wir ein Volk von Bewegungskrüppeln werden."

Bremens Kultursenator Willi Lemke, ehemals Manager des SV Werder Bremen und derzeit Präsident der Kultusministerkonferenz, forderte im Ergebnis der Studie, "im modernen Sportunterricht auch moderne Sportarten anzubieten; darauf müssen sich die für den Lehrplan Verantwortlichen ebenso einstellen wie die Lehrerinnen und Lehrer".



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